Es ist doch nicht zu fassen. Wir haben Juli. Sommer. Eigentlich mache ich doch so verdammt viel richtig. Ich habe meine Kinder von klein auf ohne übertriebene Hygiene erzogen, um sie viral und bakteriell nicht zu verweichlichen. Der Kleine hat in seinem kurzen Leben schon mindestens zwei Kilo Sand zu sich genommen. Anhand der Fingernägel des Mittleren lässt sich jeden Abend immer ganz klar der Tag rekonstruieren. Mit etwas Übung sogar der richtige Spielplatz identifizieren. Und die Große darf auch im Winter ihre langen Haare lufttrocknen lassen. Wuuhuu.

Andererseits bin ich aber auch sehr penibel. Ich wasche mir nach jedem Kontakt zu einer Kinderbetreuungseinrichtung gewissenhaft die Seuchenhände. Und beim Besuch des Kinderarztes unseres Vertrauens renne ich panisch hinter meinen Kindern her, um den etwaigen Seuchenkontakt auf ein Minimum zu reduzieren. Dabei höre ich mich Sätze rufen wie: “Bitte nicht so eng mit dem Kuscheltier kuscheln, Schatz! Da sind bestimmt ganz viele Viren dran. Was sagst du? Dein kleiner Bruder isst die Breze von dem Kind nebenan? Oh Gott, Kinder! Wir warten draußen!”

Ich koche raffinierte Suppenvariationen mit verstecktem Gemüse. Bestücke Brotzeitboxen mit reichlich Vitaminen (die ich abends dann immerhin selbst zu mir nehme).

Und trotzdem. Es kommen diese Abende, an denen ein Kind plötzlich freiwillig ins Bett will. Ohne Geschichte. Ohne fünf Mal zu trinken. Ohne dreieinhalb Mal Pipi zu machen. Ohne das Kuscheltier zu suchen, das es vor drei Jahren freiwillig zu den Flohmarktsachen gelegt hat. An jenem Tag nichts von alledem.
Die Ruhe vor dem Sturm.
Als erfahrene Mama wissen Sie, was jetzt folgt. Und Sie planen in Gedanken schon den nächtlichen Eskalationsfall. Wer kümmert sich, wenn das Kind kotzt? Fiebert? Vor Schmerzen wimmert? Pseudokruppt?

Bei uns gibt es da eine klare Verteilung. Der Mann macht den Ersthelfer bei den Kotz-Sachen und dem Pseudo-Krupp. Bei Fieber und sonstigen Unzulänglichkeiten arbeite ich an vorderster Front. Fair verhandelt.
Egal, welche Seuche ausgebrochen ist, die Nacht ist kurz, der Folgetag zum Kotzen. Auch ohne Noro. Während das kranke Kind nach ein bis zwei Tagen so langsam wieder back on track ist, macht es sich erfahrungsgemäß recht schnell die besorgte Elternhaltung zunutze. “Mama, kann ich Bibi und Tina?” “Mama, kann ich ein Müsli?” “Mama, darf ich was Süßes?” Zu Bibi und Tina und Amadeus und Sabrina beginne ich dann Inkubationszeiten zu googeln. Sah nicht Kind 2 heute auch schon irgendwie so blass um die Nase aus…?

Und da wären wir. Willkommen im Seuchenkreislauf. Während es Kind 1 langsam wieder gut geht, fällt Kind 2. Und Sie ahnen, wie dieses Szenario mit drei Kindern weitergeht. Das ergibt grob überschlagen bei einem harmlosen Infekt schon mal gut zehn Tage, in denen wir nicht gesellschaftsfähig sind. Aber wenn Sie glauben, dass wir es dann geschafft hätten – weit gefehlt! Denn das Immunsystem ist ja noch angeschlagen und mindestens einer von den Dreien holt sich dann noch einen fießen Folgeinfekt ins Boot. Der dann ping-pong-artig schön an alle weitergegeben wird. Wer hat noch nicht? Wer will nochmal?

Mittlerweile ist dann irgendwann auch der Mann gefallen und schwerstkrankgeschrieben. Ich halte noch durch. Schlage mich wacker, koche Pari-Boy Mundstücke dreimal nacheinander aus. Und das fünf Mal am Tag. Das Reserve-Set ist nämlich sicher irgendwann mal wieder eins geworden mit dem Topfboden. Immerhin weiß ich dann, dass der Rauchmelder noch funktioniert. Und während ich nahezu stündlich 90-Grad-Wäsche aus Plastiktüten in die Waschmaschine manövriere, google ich (mal wieder) die stopfende Wirkung von Äpfeln in Korrelation zu deren Konsistenz – gemust, gerieben oder gestückelt?
Und freue mich auf den bevorstehenden Urlaub. Wenn endlich mal Zeit und Ruhe ist.

Um selbst krank zu werden.

Ich habe gehört, es soll besser werden irgendwann mit diesen Seuchen. Derzeit noch schwer zu glauben, bei einem Fast-Krippenkind, einem Kindergarten- und einem Grundschulkind. Eine verdammt teuflische Mixtur an viralen Unpässlichkeiten. Bis dahin halten wir irgendwie durch, belügen unsere kinderlosen Freunde, denn sie würden uns nicht glauben. Und sind dankbar, dass über den Tag verteilt wirklich viele Zoo-Sendungen kommen. So erfüllt stundenlanger Fernsehkonsum ja noch irgendwie einen Bildungsauftrag. Also neben Amadeus und Sabrina, Super Wings, Paw Patrol, Maus und Elefant, Peppa Wutz und Conni. Ach ja. Gerne würde ich übrigens hier auch mal eine kotzende Annette sehen.

Liebe Freunde, lasst uns optimistisch sein. Wir sehen uns dann in vier bis fünf Wochen wieder.