Ich wusste schon von dir, da hattest du dich gerade erst auf den Weg gemacht. Manchmal glaube ich, dass mich mit dem positiven Test auch ein Stück weit mein Bauchgefühl verlassen hat. Zumindest für eine gewisse Zeit. Du hast mich zur Mama gemacht. Doch bei dir bleibe ich immer blutiger Anfänger.

An meinem 30. Geburtstag testete ich positiv. Ab da warst du immer präsent. In meinen Gedanken, aber auch in meinen Handlungen. Natürlich verweigerte ich fortan die leckere Bratensoße meiner Mutter, weil da bestimmt – auf meine Person runtergerechnet – fünfeinhalb Milliliter Rotwein drin waren. Verkocht. Eier wurden nur noch gegessen, wenn sie hart waren wie Fußbälle. Und alle Einkäufe wurden vorab auf meine innere Waage gestellt. Mehr als fünf Kilo? Sorry, kann ich nicht. Lieber Mann, du musst!

Ich machte alles so verdammt richtig. In den unzähligen Mami-Foren war ich immer nur stiller Mitleser. Aber ich schätze, ich hätte einen Orden von all den Müttern da draußen erhalten. Für außergewöhlich diszpliniertes Verhalten in der Schwangerschaft. Ich war so was von vorbereitet.

In meiner Vorstellung würde ich nun einfach immer nur ein bisschen dicker werden, am Ende sollte das große Finale folgen, das ja schließlich schon Milliarden Frauen vor mir geschafft haben. Und danach dann eben die konsequente Erziehung des Sprösslings. Was sollte da schon schief gehen. Alles war bis ins letzte Detail geplant.

Nicht geplant war, dass insbesondere deine Geburt, mein liebes Erstgeborenes, mich dermaßen an meine physischen und psychischen Grenzen brachte. Dass ich hinterher nicht glücklich beseelt mein Baby in den Armen hatte und voller Stolz auf die letzten Stunden blickte. Denn erstens: Du warst gar nicht bei mir, sondern auf der Neonatologie. Und zweitens: Ich fühlte nach dieser Naturgewalt von Geburt keine Spur von Stolz, sondern nur Versagen.

Na bravo, dachte ich. Das fängt ja schon mal gut an. Nach den anfänglichen Stolpersteinen, wie Babyblues, bleierne Müdigkeit und diversen Ehekrisen, die vermutlich jede neugeborene Mutter so in den Weg gelegt kriegt, habe ich das Zepter wieder in die Hand genommen.

Liebes Erstgeborenes, ich wollte es immer so richtig wie möglich machen. Da hatte ich doch wirklich großes Glück, dass ich bei dir viele höchst engagierte Menschen um mich hatte.

Legen Sie Ihr Kind nicht zu oft an. Es soll ja nicht nur rumnuckeln. Die Brust ist zum Trinken da.

Drei Stunden sollten schon zwischen den Mahlzeiten liegen, sonst kriegt das Kind nur Blähungen.

Gerne im Beistellbett, aber lieber nicht im Elternbett. Nicht, dass es sich noch daran gewöhnt.

Ihre Brustwarzen sind zu flach. Ohne Stillhütchen geht das nicht.

Es sollte von Anfang an lernen alleine einzuschlafen. Ich würde es nicht immer herumtragen.

Das Kind hat Hunger. Sie sollten zufüttern.

Okay. Wenigstens beim letzten Satz, hast du mir und allen anderen unmissverständlich klar gemacht, dass wir beide schon wussten, was richtig war. Denn du hast von Anfang an alle Arten künstlicher Sauger verwehrt. Und glaub’ mir, es gibt echt viele auf dem Markt. Geschrien hast du trotzdem viel. Und ich schaute immer heimlich auf die Uhr als ich dich weinendes Bündel frühabends kilometerweit durch die Wohnung trug. “Mist, erst 2 Stunden 15 Minuten. Soll ich vielleicht doch schon…? Wenn zweieinhalb Stunden vorbei sind, stille ich das Kind aber. Egal, was die Hebamme sagt.”

Im Nachhinein betrachtet hattest du vermutlich einfach Hunger. Und zum anderen das normalste aller normalen Babybedürfnisse: Du wolltest deine Mama. Wie haben es Hebammen und vermeintliche Freundinnen geschafft, dieses ureigene Bauchgefühl auszuhebeln?

Liebes Erstgeborenes. Deine Geschwister hingen in ihren ersten Lebenswochen praktisch rund um die Uhr an meinem Busen. Immer und überall. Das Beistellbett war super praktisch. Als Ablagefläche für Schnullis, SAB-Tropfen und Spucktücher. Und gute Ratschläge habe ich nur noch befolgt, wenn ich mir die auch genauso selbst gegeben hätte. Das Ergebnis: Ich war entspannt, die Babys waren entspannt.

Und so führt sich das fort. Du bist heute ein Schulkind. Und jeden vedammten Schub, jede noch so kleine und jede große Veränderung in deinem Leben musst du mit absoluten Anfängereltern gehen. Du bist die Protagonistin im Vorstadt-Laientheater. Dabei bräuchtest du doch gerade in den Momenten eine lässige Entspanntheit. Eine Mama, die weiß, dass vielleicht alles kacke ist, aber dass es vorbeigeht. Die auch mal Fünfe gerade sein lässt. Im Wissen, dass auch eine Ungerade hier überhaupt nichts bringt. Außer gerade mehr Ärger. Leider kann ich noch nicht mal meinen eigenen Erfahrungsschatz mit reinbringen. Denn als Nesthäkchen musste ich diesen verdammt harten Weg nie gehen.

Du hast von manchem profitiert. Hattest viel mehr Solozeit mit mir als deine Brüder. Ich habe keinen meiner geliebten Stinkerohmilchkäse in der Schwangerschaft gegessen. Ich habe dir super hässliche, aber pädagogisch wertvolle Obälle gekauft, bin mit dir zum pekip und habe mir Liedtexte aller auch nur halb bekannten Lieder ausgedruckt, um sie dir vorzuträllern. Ich habe dich nach jedem Mikromuttermilchstuhlgang gewickelt. Auch nachts. Im Gegenzug dazu musst du immer wieder mit meinem Laienwissen klarkommen. Mit meiner Ungeduld, mit meiner Ratlosigkeit, mit meiner Verzweiflung. Jeder neue Entwicklungsschub ist auch mein Schub. Oh je, Mama wächst! An sich. An dir.

Bitte sei milde mit mir, wenn ich mal wieder an mir selbst und meiner angelesenen Pseudoerziehung scheitere. Das wird noch oft geschehen. Immerhin ist dein Kampf in unserem Vorstadt-Laientheater nicht ganz umsonst. Deine Brüder werden es dir später sehr danken. Und ganz bestimmt bist du auch um Welten besser erzogen als sie!

Na komm her, mein großes Baby. Lass uns unsere Jogginghosen anziehen, Fernseh glotzen und alle Mahlzeiten die nächsten Stunden auf dem Sofa zu uns nehmen.

Ich liebe dich von ganzem Herzen und könnte mir kein tolleres erstes Kind vorstellen.