Es ist soweit. In wenigen Tagen beginnt auch für unseren Jüngsten die Fremdbetreuung. Ich habe im Vorfeld lange und ausführliche Gespräche mit ihm darüber geführt. Er weiß Bescheid, ist sich über Pro und Kontra im Klaren und sieht der krippalen Zukunft positiv entgegen. Während seine Mutter noch etwas ambivalente Gefühle hierzu in sich trägt.

Denn ich habe derweil ein schlechtes Gewissen. Weil ich den Burschen jetzt 20 Monate daheim hatte ohne gleichaltriges Entertainment. Man denke an all die verpasste Förderung. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil dieser kleine süße Wurschtl ja noch so ein kleiner süßer Wurschtl ist und es doch am allerbesten wäre, wenn er einfach bei der Mama bliebe. Man denke einmal an den Stressfaktor für’s Kind in der Kita.

Wie Sie merken, bin ich also mal wieder super im Reinen mit mir und diesen Kinderthemen. Wie so oft.

Glücklicherweise kenne ich die Einrichtung. Auch meine beiden Großen waren schon dort und ich mag die Erzieher von Herzen gern. Und dennoch. Man male sich mal aus, dieser zuckersüße kleine Mensch stelle sich hin, mache diese eine lustige Grimasse, Sie wissen schon… und keiner würde klatschen! Keiner ließe alles stehen und liegen und applaudierte. Und niemand würde Tage später noch über diese süße wunderbare Grimasse berichten. In den Augen Tränen der Rührung.

Momentan bin ich – für Sie vielleicht unschwer erkennbar – in meiner „Was habe ich getan er ist doch noch so klein ich werde ihn besser bis zum Abitur daheim unterrichten“ – Phase. Habe in den letzten drei Tagen so viele Bücher mit ihm angeschaut wie nie zuvor. Gut, es waren drei.
Aber zu meiner eigenen Verteidigung: Er ist Kind Nummer Drei. Und ich schwöre, das hat die große Schwester bislang phänomenal gut übernommen. Und der Mittlere spielt wirklich hervorragend Lego mit ihm. Also sofern er die kleinen Teile nicht aufisst, das hat der große Bruder nicht so gern. Versuche dennoch aktiv die Vernachlässigung der vergangenen Monate in der letzten Woche vor Krippenstart wieder gutzumachen und spiele auf Teufel komm raus. Pädagogisch betrachtet bestimmt unheimlich sinnvoll.

Ich bin wirklich sehr wehmütig, dass die Elternzeit nun vorüber ist. Dann lege ich aber manchmal das Leberwurstbrot auf die falsche Seite des Tellers oder ziehe ihm Schuhe an bevor wir rausgehen. Und es geht wieder. Überdenke dann auch direkt mein Homeschooling-Konzept.

Und eins ist ja mal klar. Wenn hier einer eingewöhnt wird, dann bin definitiv ich das. Mit kritischem Blick werde ich nächste Woche auf einem Ministuhl im Hintergrund sitzen und all die anderen kleinen Kinder taxieren. Hat das Mädchen da gerade etwa meinen kleinen Prinzen berührt? War in ihrer Handlung ein erkennbarer böswilliger Vorsatz zu beobachten? Na na na?
Und: Neeeein, nicht mit dieser Rotzglocke an meinem gesunden Sohn vorbei gehen. Nicht näher kommen! Schau, mein Kind ist eh noch klein und spielt total langweilig. Schau mal wie langweilig! Nicht langweilig…? Oookey, zu spät. Dann spielt halt meinetwegen zusammen.

Ich werde im Morgenkreis sitzen mit dem wundervollsten Kind, das diese Einrichtung jemals betreten hat. Immer wieder nach Bestätigung suchend in den Gesichtern der Erzieher. In diesem einen Fall müssen sie einfach ihre Neutralität aufgeben. Einer ist nun mal das süßeste Kind. Das verstehen Sie doch.
Ich werde lautstark besingen, dass meine Augen verschwunden sind. Und meine Ohren. Und meine Hände. Und dass die gewaschen werden müssen. Und dann muss ich noch schü-tteln, schüttelschüttelnschütteln schüttelnschüttelnschütteln bis sie trocken sind.
Mei, habt ihr alle gesehen, wie knuffig dieser kleine Kerl da vor mir ist? Schau, jetzt nimmt er sein linkes Händchen hoch? Habt ihr’s gesehen? Gleicht macht er’s nochmal. Hach…

Super lässig werde ich dann bei der ersten Trennung die Räumlichkeiten verlassen. Und zwei Meter um die Ecke wasserfallartige Tränen plärren.

Könnte man bitte für jede Eingewöhnungsmama eine extra Erzieherin einberufen, die sich ausschließlich um die emotionalen Belange der Mutter kümmert? Ich wette, die Eingewöhnungen wären für alle entspannter.

Verdammte Axt, man sollte meinen, dass Mutter beim dritten Kind endlich mal souverän geworden wäre. Zumal ich weiß, dass – trotz allem Abschiedsschmerz – auch ich wieder zu den Müttern gehören werde, denen die Erzieher beim Krippenabschiedsfest noch die Gummistiefel in Größe 21 in die Hand drücken. Und die Wechselhose in 74/80. Und auch ich werde irgendwann abends in die Augen meines Kindes schauen und denken, bitte bitte lass das keine Bindehautentzündung werden. Die sinnloseste aller Infektionen. Weil nicht kitafähig aber aufgrund der guten körperlichen Verfassung auch nicht home-office-fähig. Oder ausruh-fähig. Oder Beste-Freundin-Kaffeeklatsch-fähig.

Der einzige Vorteil bei Kind Nummer Drei: Ich habe das nun schon zwei Mal hinter mich gebracht. Und ich weiß, dass ich nach ca. sechs bis maximal acht Wochen eingewöhnt bin. Bis dahin möge man bitte sehr behutsam mit mir umgehen, meine Launen ertragen und mir regelmäßig mein Lieblingsessen kochen. Wie man das halt so macht mit einem Eingewöhnungskind. Drücken Sie mir die Daumen. Und reichen Sie mir Taschentücher. Viele Taschentücher.